Linthmais

Geschichte

1.1. Woher kommt der Mais

Rot: Ursprungsgebiet, Grün: Anbaugebiet

Die Wiege der Maispflanze stand im antiken Reich der Azteken, Inkas und Mayas. Das Getreide ist möglicherweise als Mutation aus einer Wildgrasart (Teosintie) hervorgegangen, die noch heute in Mexiko gedeiht. Diese Mutation haben die Ureinwohner Mittelamerikas konsequent weiterkultiviert und daraus Hunderte Sorten gezüchtet.


Durch die Mutation und die Weiter-Züchtung des Menschen hat der Mais schliesslich seine Fähigkeit verloren, frei in der Natur zu überleben. Er besitzt keinerlei Mechanismus, die es ihm erlauben, seine Körner zu verteilen, weder durch Wind, die Explosion einer Samenkapsel noch durch Ausrieseln.

 

Am 4. März 1493 brachte Christoph Kolumbus die ersten Maiskolben in die „Alte Welt.“
Von Spanien und Portugal aus verbreitete sich der Mais über Frankreich und Italien bis nach Vorderasien, wo er Mitte des 16. Jahrhunderts erstmals angebaut worden ist. Portugiesische Seefahrer brachten ihn nach Westafrika und Indien. Schliesslich schlug das Getreide bereits im Jahre 1530 auch in China und Japan seine Wurzeln.

 

 

Schon 1525 wurde der Mais in Andalusien feldmässig angebaut, in den Südalpen (Kärnten) ist der Maisanbau seit 1542 urkundlich belegt.
Erst über den Umweg des Vorderen Orients gelangte der Mais nach Mitteleuropa, dieser Geschichtliche Hintergrund erklärt den Begriff „Türgge“ oder „Welschkorn“.


Gemäss einer Publikation der landwirtschaftlichen Betriebszentrale Lindau wurde der Mais schon im Jahre 1571 in Altstätten (SG) angebaut.

 

Die heilige Pflanze der Indianer hatte innerhalb von 100 Jahren,
praktisch die ganze Welt erobert.

Kupferstich

1.2. Ursprung des Linthmais

Im 16. oder 17. Jahrhundert wurde in der Linthebene bereits Mais erstmals angepflanzt. Leider fehlen hier bis jetzt die Urkundlichen Beweise, die ersten Kolben gelangten vermutlich über verschiedenste Handelsbeziehungen ins Linthgebiet. Die Linthebene liegt am alten, wichtigen Verbindungsweg, welcher von Zürich nach Sargans, weiter über die Bündnerpässe nach Italien führt. Sicherlich spielte auch das Kloster Einsiedeln, mit seinen in der ganzen Schweiz liegenden Gütern und die Kriegslustigen Schwyzer, eine Rolle in der Geschichte des Linthmais.

 

 

- In einer Sage vom Schloss Grynau, Tuggen, wird der Name „Welschkorn“ (Mais) genannt, zu datieren ca. mitte des 18. Jahrhunderts.
- Gerold Meyer von Knonau berichtet 1816 von „Türkenkorn“ im Bezirk March des Kantons Schwyz.
- Das Linthgebiet zählte im 2.Weltkrieg, nach dem Rheintal und dem Tessin, zu dem dritt grössten Maisanbaugebiet der Schweiz.
- Erschienen im Buch:
Der erfolgreiche Pflanzer, Wir Schweizer als Selbstversorger 1942/43
S. 308 Die Sorten

 

Für den Anbau nordwärts der Alpen kommen nur verhältnissmässig frühreife Sorten in Frage. Am sichersten fährt der Pflanzer, wenn er die in diesen Gegenden längst eingebürgerten Formen auswählt. Die wichtigsten unter diesen sind folgende:

 

a) Weisskörnige: St. Galler- und Bündner Rheintalermais. Kolben meist 8-, seltener 12 reihig, lang und schlank. Körner gross. Reift ziemlich früh. Mit dieser Sorte verwandt ist wohl der weisse badische Mais.

 

b) Gelbkörnige: Lindtmais und Domleschger. Ähnlich den vorigen, jedoch mit gelben Körnern und etwas frühreifer.

 

c) Rotkörnige: Rotkörnig sind insbesondere manche italienische Sorten, die an ein wärmeres Klima gewöhnt sind und daher für uns nicht passen.

1.3. Entstehung des Linthmais

Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Mais auf die klimatischen Bedingungen dieser Region angepasst. Durch diese Selektion entstand schlussendlich eine eigene Sorte, der Linthmais.
Wobei betont werden muss das es eine Sorte Linthmais gibt mit vielen unterschiedlichen Typen, das heisst diversen Abweichungen in Form Farbe und Ausbildung.
Jedes Dorf, selbst jede Familie selektionierte ihr eigenes Saatgut und vermehrte seinen Mais selber, über die Jahrzehnte entwickelten sich daher verschieden Typen von Linthmais.

 

Durch die Mechanisierung in der Landwirtschaft wurde vermehrt Futtermais angebaut und verdrängte den Linthmais, bis er ganz aus dem Anbauplan der einheimischen Landwirte verschwunden war.

1.4. Anbau

Türgge schälen

Der Getreidebau war in der Linthebene schon immer schwierig, die sehr hohe Luftfeuchtigkeit und das raue Klima, verursachen bei vielen Getreidearten Pilzkrankheiten. In unserer Region wurde daher hauptsächlich Dinkel angebaut, im Dialekt „Korn“ genannt. Das restliche benötigte Getreide wurde entweder selber angebaut, oder auf dem nahem Getreidemarkt in Zürich eingekauft.
Der Maisanbau gestaltete sich jedoch auch früher nicht einfach, Krähenschäden machten auch unseren Vorfahren zu schaffen. Mit sogenannten „Türggebutzi“ (Vogelscheuchen) versuchte man diese Schädlinge zu vertreiben.

1.5. Trocknung

Linthmais aufgehängt zum trocknen
Grosser Maisrebler, zum entkörnen der Maiskolben

Nach der Ernte auf dem Feld wurden die „Türggezapfen“ (Maiskolben) nach Hause gebracht, geschält und an den Hülschblättern zusammengebunden. Anschliessend lies man sie zur Trocknung auf dem Dachboden oder in der Laube aufhängen. Typisch für die March haben die älteren Häuser sogenannte Lauben, Lauben sind Gerüstkonstruktionen, die offen oder verschalt an Traufwänden von Wohnhäusern und Scheunen vorkommen. Die Lauben wurden seit jeher zum trocknen von Kräutern, Gartenprodukten und sicherlich auch für den Mais benutzt.


Im Winter wurde der Mais vom Estrich geholt um in mühseliger Handarbeit, die Körner vom Kolben zu trennen. Es gab hier verschiedene Methoden diese ab zu rebeln,
entweder von Hand über ein Eisen, Kolben an Kolben oder Geräte welche mit einem Zackenrad den Vorgang erleichterten. Die schönsten Kolbe wurden als Saatgut fürs nächste Jahr bestimmt, oder die vereinzelten roten welche sich unter dem hauptsächlich gelben Mais befanden, in der Stube als Dekoration aufgehängt.


Grosser Maisrebler, zum entkörnen der Maiskolben

1.6. Maismühlen in der Linthebene

Den eigenen Mais brachte man nach erfolgter Trocknung in eine nahe liegende Mühle um daraus Ribeli-Mehl mahlen zu lassen. Es ist jedoch bekannt dass bereits um die Jahrhundert Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert grössere Mengen Argentinischer Mais importiert und vermahlen wurden.

 

Schüttrichter, Mahlgang und angebauter Sechskanter (Mehlsiebkasten), Jahreszahl 1820, Schänis SG
Walzenstuhl der gleichen Anlage, diese Mühle wurde bis 1972 zur Maismehl Herstellung benutzt.

1.7. Abbildung alter Linthmais Kolben

1.8. Sage um den Linthmais

Aus Schwyzer Sagen, Gesammelt von Hans Steinegger

Der Schlossgeist von Grynau

Am östlichen Sporn des unteren Buechberg gelegen, an der bedeutenden Übergangsstelle über die Linth, erhebt sich das Schloss Grynau mit seinem hoch aufragenden Turm. In seinen weiten, dunklen Räumen scheint es nicht immer mit rechten Dingen zuzugehen. Alle hundert Jahre erscheint nämlich der Schlossgeist, ein schwarzer Mann mit struppigem Bart und bösen Augen. Er wandert im Schloss herum. Wer das Unglück hat, ihm zu begegnen, muss eine harte Probe bestehen.
Eines Tages verirrte sich ein fremder Barbier im Treppenhaus. Neugierig schaute er sich um und gewahrte plötzlich in einer Ecke eine schwarze Gestalt, den Schlossgeist. Dieser deutete dem zitternden Fremden, ihm zu folgen.
Gehorsam stieg der Bartscherer dem Schlossgeist nach ins oberste Turmzimmer. Dort setzte sich das Ungeheuer auf einen alten Stuhl und forderte den Barbier auf, ihm den struppigen Bart zu scheren.
Der Fremde fasste sich ein Herz und begann, die langen Gesichtshaare des Schlossgeistes einzuseifen. Dann scherte er ihm langsam und vorsichtig den Bart. Während dieser Prozedur öffnete sich langsam der Mund des Geistes, und die Zunge versuchte, Sich frische Luft zu verschaffen.
Sie wurde zunehmend grösser und breiter. Es war ein grässlicher Anblick. Der Barbier aber schabte munter drauflos.
Als jedoch die Zunge immer weiter aus dem Mund herauskam, und stets grösser wurde, verliess ihn der Mut. Der Barbier warf das Rasierzeug in eine Ecke und floh Hals über Kopf die Stiege hinunter, immer zwei bis drei Stufen überspringend. Während er so die Treppe hinunter eilte, streifte er einige Säcke, die mit Welschkorn gefüllt waren. Unversehens ergriff er eine Handvoll davon und steckte sie in seine Hosentasche. Der Schlossgeist aber polterte fürchterlich und brüllte mit schrecklicher Stimme: „Nochmals hundert Jahre warten!“ Als sich der Scherer von seinem Schrecken erholt hatte, griff er in seine Tasche, und siehe da: Das Welschkorn war zu lauter Goldkörnern geworden. Hätte er den Schlossgeist erlöst, wäre alles Korn in Gold verwandelt worden. (nach Ruoss)

Linthebene, Blick gegen Glarnerland, 1787
Die Feste Grynau in der oberen March, 18 Jh.

„Welschkorn“ welches zu Goldkörner wird

Sagen weisen in der Regel immer ein Körnchen Wahrheit auf. Ich möchte auf die Bedeutung des „Welschkorn“ hinweisen. Auch Die Bevölkerung der Linthebene litt in früheren Jahrhunderten an Hungersnöten und Versorgungsknappheit. Der Mais, welcher zu Goldkörner wird, zeigt hier vielleicht die Bedeutung und der Stellenwert dieser alten Kulturpflanze.